Wenn Frauen scheinbar „grundlos“ ihren Mann verlassen

Es gibt in meiner Beziehungspraxis Situationen, die sich stark ähneln und von solch einem Szenario möchte ich heute erzählen.

Der Klient ist männlich und kommt alleine zu mir. Er steht unter Schock, weil er gerade erst erfahren hat, dass seine Frau ihn verlassen will oder schon dabei ist. Für ihn kommt das Ganze aus heiterem Himmel, denn bis zum Zeitpunkt der Offenbarung war alles, wirklich alles, perfekt! Sie hat ihm mitgeteilt, dass sie keine Gefühle mehr für ihn hat und keine Möglichkeit mehr sieht, die Beziehung wieder auf gesunde Füße zu stellen. Zugegeben, wenn sich das wirklich so zugetragen hat (eher selten der Fall), dann ist seine Fassungslosigkeit berechtigt und eine Trennung kann durchaus traumatisch erlebt werden. Er versteht jedenfalls die Welt (seine Frau) nicht mehr und die Ängste sind riesig. Was wird jetzt passieren?

Was ist hier geschehen?

Jeder Therapeut weiß selbstverständlich, dass es immer zwei Seiten einer Medaille gibt. Die Sicht der Frau bleibt manchmal für mich ungehört. Aber ich weiß auch, dass derjenige, der eine Trennung ausspricht, Gründe dafür hat und sich diese Entscheidung (psychische Gesundheit vorausgesetzt) alles andere als leicht gemacht hat.

Die Männer wollen nun möglichst schnell von mir erfahren, wie sie ihre Frau umstimmen können. Die Gründe, die zur Trennungsabsicht geführt haben, wollen oftmals übergangen werden, aber sie sind es doch, die eine Wiederholung verhindern würden, falls die Frau es sich tatsächlich noch einmal überlegen würde. Je nachdem, was die bisherige Geschichte des Paares ist, sind die Ambivalenzen der Frau vielleicht noch groß. Meine Erfahrung ist jedoch, dass sich diese in sehr vielen Fällen auf die finanzielle und materielle Sicherheit beziehen und weniger darauf, dass sie der Partnerschaft noch eine echte Chance einräumen.

Die häufigsten Gründe

Die häufigsten Gründe für das Beenden einer Partnerschaft sind:

  • Schieflagen / Asymmetrien (Mutter-Sohn-Beziehung)
  • Emotionales Verhungern (der Frau)
  • das Gefühl das Leben eines anderen (das des Mannes) zu leben
  • eine Außenbeziehung (die auch selten grundlos geschieht)
  • „Kinder-außer-Haus-Syndrom“ ( …und jetzt… war das alles?)

Was jedoch auch immer der Fall ist: es handelt sich um schleichende Prozesse, die nicht selten über lange Jahre entstanden sind. Das wollen die Männer jedoch nicht gerne hören und noch weniger gerne erkennen.

Schuldfrage

Derjenige, der das Beziehungs-Aus vom Partner erhält, steht immer unter Schock. Wer rechnet schon wirklich damit, ganz egal wie es um die Partnerschaft bestellt ist? Vor allem, wenn kein dramatisches Ereignis vorausging, sondern genau dieser infektiöse schleichende Virus zugeschlagen hat. Aus therapeutischer Sicht muss der Mann jetzt erst einmal in seiner Akut-Krise beruhigt und gestärkt werden, bevor man sich an die eigentliche Reflexion wagen kann.

In der Therapie geht es sowieso nie um Schuld, sondern immer um Anteile, die beide daran tragen – ob eine Beziehung gelingt oder scheitert. Wenn die Bereitschaft vorhanden ist, für seine eigenen Anteile Verantwortung zu übernehmen, dann ist das bereits die halbe Miete.

Wenn es Kinder gibt

Ich erinnere mich an keinen einigen Fall, bei dem sich nicht sichtbare Gründe finden ließen, die auch die Sicht der Partnerin nachvollziehbar machte. Natürlich dauert es eine Weile, bis der Mann bereit ist gewisse Zugeständnisse zu machen und in der Regel hat die Frau bereits jahrelang Signale gegeben, die entweder nicht gehört wurden, nicht ernst genommen oder manchmal auch nicht vehement genug ausgedrückt wurden. Im Grunde geht es hier um Kommunikation oder das Fehlen davon.

Ich habe mal zu einem gerade frisch verlassenen Mann (also der Typ, der die Welt nicht mehr verstanden hat) gesagt: „Keine Frau, die ich kenne, würde sich jemals, besonders mit Kindern, einfach so, über Nacht,  aus einer Laune heraus oder weil sie schlecht geschlafen hat, von ihrem Mann trennen, wenn sie nicht wirklich Gründe dafür hätte.“

Ein paar Monate später, sagte mir dieser Klient, dass der Satz das Wichtigste in der ganzen Therapiearbeit für ihn war. Er hatte verstanden, dass er sich auseinandersetzen muss, auch wenn der Satz ihn zunächst tief ins Mark traf und er einen eigenen Anteil weit von sich weg schob. Das Heilsame für ihn war, dass er das echte Verständnis und auch den Leidensdruck seiner Frau nach und nach erkannte. Ich gebe gern zu, dass es sich hierbei um hohe Kunst (von Klientenseite) handelt und nicht für jedermann möglich. Dieser Klient gehörte wirklich zur Kategorie „sehr reflektiert“.

Es versteht sich von selbst, dass er und seine Frau sich genau deshalb gut um die gemeinsamen Kinder kümmern konnten, weil es KEINE Schuldzuschreibungen und Opfer-Täter-Spiralen gab, sondern jeder übernahm seine Verantwortung an der Ehe, die eben nun ihr Ende gefunden hatte.

Fazit

Wir Menschen mögen gerne die einfachen Wege. Lieber den geraden, asphaltierten und weniger den staubigen, steinigen.

Das wir immer einen Schuldigen brauchen, auf den wir unser Leid schieben können, gehört wohl zum Menschsein. Es ist immer der Andere, nie oder möglichst selten wir. Wenn also die Frau quasi über Nacht geht (wie undankbar!), dann hat die doch das Problem, oder? Das ist schon denkbar, allerdings habe ich das in meiner Praxis so noch nicht erlebt. Immer, wenn ich die Frau auch kennenlernen durfte (und ihre Sichtweise erfuhr), hatte sie sehr nachvollziehbare Gründe. Es war weniger die Frage, dass sie die Beziehung beendet hatte, sondern eher erstaunlich, dass sie es nicht schon viel früher getan hat.

Für diejenigen, die immer noch glauben, dass ihre Frau über Nacht verrückt geworden ist (was in einem Ausnahmefall theoretisch möglich wäre), folgendes nicht vergessen: Du nimmst dich in jede weitere Beziehung mit. Auch wenn Du jetzt Deiner Frau die ausschließliche Schuld gibst, wird Dein Schmerz nicht kleiner und die Gefahr einer Wiederholungstat ist mehr als groß. Dann brauchst Du vielleicht noch eine weitere Runde…

 

Foto: © Leonhard Mühl

 

 

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