Wenn der Partner krank wird

Die Vorstellung, dass der Partner eine ernsthafte Krankheit bekommen könnte, versetzt zunächst mal jeden in Stress. Das Ausmaß hängt davon ab, ob es sich um eine chronische oder gar lebensbedrohliche Krankheit handelt oder „nur“ um einen Beinbruch, denn ich nicht schmälern möchte, aber dieser ist zeitlich begrenzt. Doch egal wie die Diagnose lautet, so ein Ereignis bringt die Paardynamik immer durcheinander.

Aus Augenhöhe wird Schieflage

Bei jeder Art von Krankheit gerät jede noch so gute Partnerschaft, die (hoffentlich) auf Augenhöhe war, in eine Schieflage. Es gibt fortan einen Kranken, um den sich gekümmert werden muss und und einen Gesunden, der nun die Rolle des Pflegers oder Helfers übernimmt. Jetzt geht es darum, wie lange diese Rolle übernommen werden muss und welche weiteren Rollen derjenige sonst noch zu erfüllen hat.

Augenhöhe hin oder her und ganz egal wie stabil eine Beziehung auch in ihren Grundfesten ist, gibt es nie völlige und dauerhafte Ausgeglichenheit, sonst wäre die Beziehung statisch und völlig unflexibel.

Kurze oder langwierige Krankheiten

Es sollte kaum größere Beeinträchtigung geben, wenn ein Partner für einen überschaubaren Zeitraum für den anderen Partner einspringt. Beinahe jeder kann die Zähne zusammenbeißen, denn danach gelangt das Beziehungskonto meist von alleine wieder in Ausgleich (falls es nicht schon vorher im Minus war!).

Auch bei schwerwiegenden Krankheiten versteht es sich für die meisten Menschen, besonders für Frauen, von selbst, dass sie an der Seite des Partners bleiben und ihn durch die bevorstehende Zeit begleiten. Genau hier beginnt das zunächst unsichtbare Problem, nämlich dass der helfende Partner sich selbst aus den Augen verliert und vergisst für sich selbst zu sorgen, vor lauter Fürsorge für den Kranken. Dies ist meist ein schleichender Prozess.

Psychische Krankheiten

Schwierig wird es bei psychischen Erkrankungen, die bis heute stark stigmatisiert sind. Psychische und physische Krankheiten sind bis heute bei weitem nicht gleichgesetzt. Die angeschlagene Psyche geht irgendwie immer mit Schwäche einher. Oft heißt es: „Wenn man nur wollte, könnte man auch anders! Man muss sich doch nur mal zusammenreißen!“ Das halte ich für Quatsch. Es muss schon genauer betrachtet werden, um was es geht. Nicht jeder, der will, kann auch.

Natürlich darf man die sogenannten „Krankheitsgewinne“ nicht außer Acht lassen, denn viele Kranke haben gerade in ihrem Leid auch einen „Nutzen“. Sie erhalten erhöhte und besondere Aufmerksamkeit der Freunde, Familie, Angehörigen und sonstigen Umgebung. Und manch einer will vielleicht tatsächlich sein „Symptom“ nicht aufgeben, weil er damit auch die daran geknüpfte Zuwendung verlieren würde.

Wenn der Partner depressiv ist (oder geburnoutet)

Weil Depressionen keine Kurzzeitkrankheiten sind, sondern eher auf Dauer angelegt, sind betroffene Paare besonders herausgefordert ihr Leben und Ihren Alltag neu zu organisieren

Die größte Herausforderung besteht darin, dass derjenige, der als Pfleger agiert, besonders auf sich schauen und darauf achten muss, sich nicht in der Krankenpflegerrolle zu überfordern, um am Ende nicht selbst erschöpft und ausgebrannt dazustehen. Die Gefahr zu funktionieren ist groß, schließlich ist der Partner doch viel schlimmer dran. Der Kranke wiederum verlangt, bewusst oder unbewusst, vom Helfenden, dass dieser rund um die Uhr für ihn da ist und für alles Verständnis aufbringt und immer unterstützt.

Geben und Nehmen

Auch das ist in einer stabilen Partnerschaft für eine begrenzte Zeitspanne kein Thema. Hält der Zustand der Unausgeglichenheit jedoch an, entsteht in dem Paarsystem eine dauerhafte Schieflage. Diese bezieht sich meist auf den Geben-Nehmen-Pol. Es stellen sich beim Helfer Gefühle von Unzufriedenheit und Ausweglosigkeit ein. Dieser Konflikt läuft unterschwellig, wird nicht offengelegt. Viel zu lange versucht der Gesunde die Schieflage unter großer Anstrengung auszugleichen, was kräftemäßig mehr und mehr an seine Substanz geht. Man kann sich vorstellen, dass sich dieser Zustand immer auch sexuell niederschlägt und kaum begünstigen wird.

Besteht keinerlei Aussicht auf Verbesserung der Krankheit, dann muss das Paar Lösungen finden, ob und wie sie mit einer dauerhaften Schieflage umgehen wird. Für Frauen ist es häufiger selbstverständlich, sich in diesen Beziehungen zu arrangieren, vielleicht weil es bis heute weit mehr Krankenschwestern als Pfleger gibt;-).

Helfen kann nur der, der sich selbst helfen kann

Es gibt heutzutage Selbsthilfegruppen, die gerade für die Angehörigen von psychisch Kranken gegründet wurden, denn es sind genau diejenigen, die vor lauter Belastung in die Knie gehen. Man stelle sich vor, ein betroffenes Paar hat Kinder und ein Partner muss auch alleine die Elternrolle ausfüllen. Das zehrt nicht nur an den Kräften, sondern führt unweigerlich zur Überforderung.

Beim Helfenden entsteht dann Wut auf die Situation und häufig auch Aggression gegenüber dem Kranken. Darüber wird aus Scham nicht gesprochen und es ist eine Frage der Zeit, bis sich diese Energie ihren Weg bahnen wird, was oft in Spontanhandlungen ausagiert wird.

Von Schieflage zurück zur Augenhöhe

Wenn es zur Genesung gekommen ist, muss bewusst wieder die Augenhöhe hergestellt werden, in dem der ehemals Kranke wieder in seine Kraft – als Mann oder Frau – kommt und die einstige Verantwortung für die Beziehung übernimmt Je nachdem wie lange die Rollen ungleich verteilt waren, ist das für den ehemalige Pfleger ungewohnt und dieser muss zulassen, die Kontrolle und Verantwortung wieder abzugeben. Es wird einen Prozess benötigen, in dem das Paar die belastende Zeit gut miteinander verarbeiten kann und entstandene „Schäden“ heilen können. Klärende Gespräche und Wiedergutmachungen könnten ein Schritt sein, damit keine unsichtbare Mauer zwischen dem Paar stehen bleibt.

Fazit

Um welche Krankheit handelt es sich? Was wird unternommen, um sich mit ihr auseinanderzusetzen? Hat der Partner bereits eine Krankheit mit in die Beziehung gebracht? „Wandert“ der Partner vielleicht von einer Krankheit zur nächsten, damit er nicht hinschauen und etwas in seinem Leben ändern muss? Vielleicht unterstützt der Pfleger diesen Prozess mit seiner bereitwilligen Hilfe sogar? Körper, Geist und Seele sind nämlich nicht zu trennen, sondern ein ganzheitlicher Ansatz macht hier durchaus Sinn und hat mit Esoterik absolut gar nichts zu tun.

 

Foto: © privat (Blutmondnacht in Regensburg)

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2 Kommentare
  1. Sue
    Sue sagte:

    Liebe Andrea
    danke für diesen Beitrag – wie ich finde – ein sehr wichtiges Thema.
    Ich bin nach über 10 Jahren operiertem Rücken inklusive 2 bis 3 x Migräne pro Woche bei meinem Mann aus der Bahn geworfen worden. 2015 bin ich regelmässig weinend zusammengebrochen, habe selbst Probleme mit dem Rücken bekommen. Gleichzeitig haben bei mir die Wechseljahre angefangen und ich wusste oft nicht mehr, wie ich weitermachen soll. Ich versuche mich seit einigen Monaten besser abzugrenzen. Seine Migräne nicht mehr als meine Migräne zu sehen. Ich kann seinen Schmerz nicht tragen und ich kann ihn auch nicht lösen. Trotz der Abgrenzung oder vielleicht gerade deswegen fühle ich eine grössere Kluft zwischen uns denn je und weiss nicht, wie ich wieder näher kommen kann. Die Migräne geht mir auf die Nerven und ich ertappe mich dabei, wie ich denke „na bravo und wieder ist ein Samstag gelaufen…“ – ich bade in Selbstmitleid, weil dadurch auch mein Tag im Eimer ist und habe gleich nach diesem Gedanken wieder ein schlechtes Gewissen, weil es mir ja gut geht… es ist ein Teufelskreis. Wenn wir uns wegen irgendetwas in die Haare gerate oder eine heftigere Diskussion haben, hat er danach garantiert einen Migräneschub – klar was ich dann denke, oder? Ich fühle mich elend und bin noch wütender. Es würde mich sehr freuen, wenn sich jemand auch dazu äussern würde. Jemand, der etwas ähnliches kennt. liebe Grüsse Sue

    Antworten
    • Andrea Bräu
      Andrea Bräu sagte:

      Liebe Sue,

      nun möchte ich Dir sehr herzlich für Deinen wertvollen Beitrag danken und die Mühe, die Du Dir gemacht hast. Je bekannter mein Blog wird, desto mehr Menschen diskutieren dann eines Tages mit:-). Spannend ist, dass es bei Euch scheinbar wie beschrieben im Artikel läuft: die Krankheit wird als Mittel zum Zweck eingesetzt, wenn ich es richtig verstanden habe und schon sind wir dabei zu unterscheiden, ob jemand überhaupt nach Veränderung strebt oder es sich in seiner Opferposition bequem gemacht hat und ich denke, das ist ein Riesenunterschied, wie der gesunde Partner dann mit dem Kranken umgeht. Als „Waffe“ eingesetzt, kann es kein Mitgefühl geben, zumindest kein echtes und Emotionen wie Wut, Ärger und sogar Verachtung sind immer die Folge. Hier ist guter Rat teuer. Dennoch ist zu Bedenken, dass wir nur ein Leben haben (mit großer Wahrscheinlichkeit) und dies uns entsprechend auch leben sollten. Damit meine ich nicht mit einer egoistischen Haltung durchs Leben zu schreiten, aber es ist auch ein Akt der Selbstfürsorge und Eigenverantwortung Grenzen zu setzen, wo sie notwendig sind. In meinen Augen ist dies ein Muss, eine Notwendigkeit.

      In diesem Sinne grüßt Dich herzlich,

      Andrea

      Antworten

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