Unterschiedliche Auffassungen von Treue

Nachdem ich nun seit mehreren Wochen das Thema Treue (und Untreue) beleuchtet habe, ist das der letzte Eintrag zu dieser Serie. Heute geht es darum zu erkennen, dass Treue inzwischen ein individuelles, paarbezogenes Thema ist und kein allgemeingültiges, moralisches mehr. Die Zeiten scheinen ein für allemal vorbei und erfordern ein Umdenken.

Fallbeispiel I

Ulrike (32) und Olaf (34) sind seit zwei Jahren ein Paar. Von Anfang an sprachen sie detailliert darüber, was ihnen innerhalb ihrer Partnerschaft wichtig ist. Ehrlichkeit, Treue und Verlässlichkeit standen für beide ganz oben. Zudem gibt es eine Absprache darüber, rechtzeitig über Themen zu sprechen, die zunächst zwar den Einzelnen betreffen, letztlich aber Auswirkungen auf die gesamte Partnerschaft haben könnten. Das verstehen Ulrike und Olaf unter Beziehung und Partnerschaft, und beide verlassen sich diesbezüglich fest aufeinander.

Bei diesem Fallbeispiel handelt es sich um eine »klare Treue«. Es wird sehr deutlich, was sowohl Ulrike als auch Olaf mit Treue meinen: offen miteinander zu sprechen und umzugehen. Sie haben das in einem Ursprungskontrakt – einer Absprache, einem Pakt, einem Vertrag – gemeinsam vereinbart. Man könnte deshalb von einem Treuebruch sprechen, wenn sich einer der beiden nicht an den Kontrakt hielte. Dann würde natürlich auch ihr Vertrauen zueinander erheblich in Mitleidenschaft gezogen.

Fallbeispiel II

Achim (46) ist seit zehn Jahren verheiratet und hat seit vier Jahren eine Affäre mit Tina (38); genauer gesagt handelt es sich dabei um eine schon längere Zeit andauernde Dreiecksbeziehung. Achims Frau weiß nichts von seinem Doppelleben. Achim und Tina diskutieren immer wieder über seine Ehe, die er nicht aufgeben will, zumal er auch Kinder hat. Dennoch will Tina die Beziehung zu ihm nicht beenden. Tina hat keinen festen Partner neben Achim – das denkt zumindest Achim. Allerdings beklagt sie sich darüber, keinen notwendigen Ausgleich zu haben – Achim habe quasi zwei Frauen, sie nur einen halben Mann.

Dann lernt Tina Jan kennen, der ebenfalls gebunden ist, und beginnt mit ihm ebenfalls ein sexuelles Verhältnis. Sie treffen sich nicht sehr häufig, doch findet Tina, dass die Affäre mit Jan sie auf »Augenhöhe« mit Achim bringt. Sie bewegt sich ihrer Ansicht nach völlig auf »legalem« Boden. Schließlich hat Achim ja auch seine Frau, mit der er gelegentlich noch schläft, wie sie von ihm weiß.

Achim, der sehr sensibel ist, merkt, dass sich etwas verändert hat, und spricht Tina direkt darauf an. Weil die beiden immer sehr ehrlich zueinander sind, erzählt Tina ihm von Jan. Achim reagiert enttäuscht und verletzt, was Tina zunächst überhaupt nicht nachvollziehen kann. Lange diskutieren sie darüber, was in Bezug auf ihre Treue zueinander zwischen ihnen kommuniziert und ausgehandelt war und wie sie nun mit der gemeinsamen Untreue umgehen wollen.

Tina und Achim sind ein Beispiel für »unklare Treue«, in diesem Fall innerhalb der Untreue. Jeder legt für sich, für das »Ich«, eine nicht explizit ausgesprochene Vereinbarung zum Thema Treue zugrunde, die jedoch auf die Partnerschaft, auf das »Wir«, einen erheblichen Einfluss ausübt. Die beiden Ichs haben für das Wir gedacht und gehandelt.

Achim war automatisch davon ausgegangen, dass Tina selbstverständlich allein bliebe, wenn er sie verließ, um zu seiner Familie nach Hause zurückzukehren. Doch gerade in diesen Momenten war Tina besonders traurig, was sie durch ihre Zweitaffäre mit Jan zu kompensieren versuchte. Achim, der seine Frau nicht verlassen will und deshalb keine ausschließliche Partnerschaft mit Tina haben wird, verstand ihre Beweggründe im Nachhinein gut. Es fiel ihm allerdings schwer, Tinas Wunsch nach weiteren Partnern mit seiner Ehe gleichzusetzen: Seine sexuellen Kontakte betreffen ausschließlich zwei Personen, denn es handelt sich bei ihm »nur« um eine konkrete Person neben Tina, nämlich seine Frau. Tina möchte diesbezüglich aber ungebunden sein, denn sie sieht in Jan keinen potenziell langfristigen Partner und will sich nicht darauf festlegen, ob nach Jan nicht ein weiterer Mann in ihr Leben tritt. Achim und Tina gelang es schließlich, folgenden Kompromiss zu finden: Sie bekam von Achim die Legitimation, sich auch mit anderen Männern zu treffen, wobei er sich allerdings ausbat, davon keine Kenntnis haben zu wollen.

Fallbeispiel III

Miriam (44) und Christoph (50) sind seit fünf Jahren ein Paar. Beide waren vorher schon einmal in erster Ehe verheiratet. Zu Beginn ihrer Beziehung lebten sie eine, wie sie es ausdrücken, »konservative Sexualität«: Sie schliefen regelmäßig miteinander, mehr aber auch nicht. Durch Gespräche und regelmäßigen Austausch stellten sie fest, dass beide sexuelle Wünsche haben, die dritte Personen mit einbeziehen würden. Nun stellte sich die Frage der Umsetzung und wie sie unter dem Aspekt der Treue damit umgehen sollten.

Miriam und Christoph wagten den Versuch, gemeinsam in einen Swingerclub zu gehen. Als sie daraufhin ihre Gefühle prüften, gelangten sie zu der Ansicht, dass ihr gegenseitiges Vertrauen groß genug war, um das weiterhin gelegentlich zu praktizieren. Im Swingerclub lernten sie Gleichgesinnte kennen, manchmal treffen sie sich auch im privaten Rahmen mit anderen Paaren. Treue ist für sie diesbezüglich kein Konfliktthema.

Als Miriam und Christoph sich kennenlernten, wussten beide nichts von ihren gegenseitigen sexuellen Wünschen und ihrer gemeinsamen Entwicklung. Sie bestimmten nicht von Anfang an, dass sie ihre Sexualität eines Tages so ausleben wollten. Doch durch ehrliche und intensive Kommunikation und den Mut, etwas auszuprobieren, veränderte sich die Definition von Treue für die beiden. In diesem Fallbeispiel wäre das »klassische« Verständnis von Treue sicher fehl am Platze, denn hier geht es vielmehr um Vertrauen.

Veränderter Zeitgeist

Ebenso wie andere gesellschaftliche Normen und Werte hat sich im Laufe der Zeit auch das »klassische« Verständnis von Treue und Untreue verändert. Zeitgemäß umgehen kann man mit den Begriffen demnach nur, wenn man sie auf den Einzelfall bezieht, auf ein konkretes Paar und dessen Beziehung. Treue und Untreue müssen stets individuell betrachtet werden. Was für das erste Paar, Ulrike und Olaf, passend erscheint, muss nicht auch gleich für das zweite Beispielpaar, Miriam und Christoph, gelten. Jeder sollte für sich bestimmen, was Treue und Untreue für ihn bedeutet, und das kann und darf sich im Laufe des Lebens oder während einer Beziehung durchaus auch verändern. Dazu tragen der persönliche Reifungsprozess, die gesammelten Erfahrungen sowie die individuellen Moral- und Wertevorstellungen bei.

In jeder Partnerschaft besteht der Anspruch und auch die Herausforderung, sich mit dem Thema »Treue« auseinanderzusetzen. Denn gerade anhand der partnerschaftlichen Definition von Treue kann man den Zeitgeist besonders gut beobachten: Ist es heute überhaupt noch realistisch, ausschließlich einem Partner dauerhaft treu zu sein? Der Zeitgeist hat sich gewandelt und fordert uns dadurch heraus, uns ebenfalls zu verändern. Inwieweit das notwendig ist und sein kann, muss jeder für sich selbst bestimmen.

Fazit

Das Zitat sagt doch irgendwie alles:

„Ich kann allem widerstehen, aber nicht der Versuchung.“

(Oscar Wilde, irischer Schriftsteller, 1854–1900)

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Foto: © Monika Preisel (Zypern)

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