Die Angst vor Paartherapie

Wunschthema # 2

Auch wenn ich persönlich genauso viele Paare wie Einzelpersonen, von denen sich Frauen und Männer auch in etwa gleich verteilen, zu meinen Klienten zähle, hält sich hartnäckig die Behauptung, dass Männer diejenigen sind, die den Schritt durch die Therapietür mehr scheuen als ihre Frauen.

Therapieunwilligkeit und Ängste

Tatsächlich bedeutet für Männer Therapie oft Schwäche oder Krankheit. Jedenfalls kann doch mit einem etwas nicht ganz stimmen, wenn man „so was“ überhaupt braucht und viele Paare kommen wirklich auf das Drängen der Frau zu uns.

Erfolgreiche Therapie bedeutet auch immer eine erfolgreiche Bindung und Beziehung zu den Klienten aufzubauen und es ist gerade die Kunst des Therapeuten, beide Partner gut ins Boot zu holen und sich das Vertrauen erst einmal zu verdienen. In der Regel gelingt das auch sehr gut und spätestens im zweiten Schritt sind die Männer dann diejenigen, die gleich einen erneuten Termin ausmachen wollen, weil es dann doch nicht so schlimm war;-).

Hinter den Widerständen und der Therapieunwilligkeit stecken fast immer Ängste. Und weil die verdeckt werden wollen, geht man am besten erst gar nicht zu so einem „Psycho“ hin. Was will einem schon ein Fremder sagen? Das kann man doch viel besser mit sich selbst ausmachen. Ein geschulter Therapeut kann mit diesen Widerständen umgehen und sie auch Stück für Stück auflösen, wenn das gewünscht wird.

Was passiert in einer Sitzung?

Ich kann natürlich nur sagen, was in meinen Sitzungen geschieht und wenn ein Paar gemeinsam kommt, frage ich zunächst, was der Status Quo ist und welchen Auslöser es gab, heute zu mir zu kommen. Ich erkundige mich, was ihre Ziele sind und wo sie hinwollen, falls das schon klar ist. Ich frage immer beide nacheinander, und meine Aufgabe es ist dann, Ideen für den Weg vorzuschlagen, wobei die Verantwortung für ihre Partnerschaft immer bei dem Paar bleibt.

Ebenso versuche ich die Beziehungsdynamik des Paares zu entschlüsseln, damit verständlicher wird, was zwischen den beiden passiert. Gerade weil der Therapeut emotional nicht involviert ist, kann er aus der Metaebene, wie aus der Vogelperspektive, auf das Paarsystem blicken. Eine weitestgehend neutrale Sicht, so gut das als Mensch eben möglich ist.

Es steht häufig die Beziehung auf dem Spiel

Wenn die Menschen zu uns finden, dann werden sie fast immer von Ängsten begleitet. Sie wissen, wenn sie noch keinerlei therapeutische Erfahrungen haben, nicht was auf sie zukommt. Und Neues bereitet Angst. Um das Mann-Frau-Klischee zu bedienen, hat die Frau möglicherweise die Pistole auf des Mannes Brust gesetzt mit der Message: „Wenn du nicht mit zur Therapie gehst, trenne ich mich von dir!“ Wie kann der Mann da nicht unsicher sein, ob er noch mit seiner Partnerin an der Seite wieder rausgehen wird?

Diesen Klienten sage ich immer: „Wissen Sie, kein Therapeut kann so schlecht sein, dass Sie sich deshalb trennen, weil er was Falsches zu Ihnen sagt und ebenso kenne ich auch kein Paar, dass zusammengeblieben wäre, nur weil der Therapeut so nett war.“ Das verstehen dann doch die meisten;-).

Setting

In meiner Praxis gibt es keine knarzenden Korbsessel und auch keine Räucherstäbchen, keine roten, gelben oder orangefarbigen Wände und meine Klienten müssen auch nicht ihre Schuhe ausziehen, um dann „entblößt“ in Kostüm oder Anzug vor mir zu sitzen.

Wir sitzen alle auf gleichen Sesseln und die Augenhöhe ist mir sehr wichtig. Ich bin zwar Therapeutin, aber in erster Linie Mensch. Einer mit Ecken und Kanten und ohne Heiligenschein. Ich bin weder Lehrer, noch Vollchecker und ich versuche auch nicht zu missionieren. Meine Haltung und die angenehme Umgebung gibt den Klienten ein beruhigendes Gefühl und nur so können sie sich wohlfühlen und öffnen. Das ist der erste Schritt für eine vertrauensvolle Beziehung, gerade weil es in der Paartherapie oft auch um das sensible Thema Sexualität geht.

Aufgaben

Als Therapeutin begebe ich mich ständig auf sehr dünnes Eis und man sagt nicht umsonst, dass Paartherapie die Königsdisziplin unter den Therapieformen ist. Stell dir einfach mal vor, es kommt ein völlig zerstrittenes Paar zu dir und jeder der beiden versucht dich von seiner Sicht zu überzeugen. Sie fallen sich gegenseitig ins Wort, agieren respektlos und ohne Wertschätzung.

Diesen Paaren erkläre ich dann, dass ich keine Richterin bin, die Beweise sammelt, um dann ein Urteil zu sprechen, sondern der Therapeut versucht in erster Linie zu verstehen und nicht zu richten. Ein erfahrener Therapeut lässt sich daher gar nicht erst auf die Diskussionen, wer woran genau schuld ist, ein. Weil gerade streitende Paare oft in Rivalität und Konkurrenz zueinander stehen, zählt es zu unseren Aufgaben, wohlwollend zu vermitteln und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, wobei die Kommunikation bei mir ganz oben steht.

Letztendlich geht es immer um die eigene Entwicklung, die in der Paartherapie parallel stattfindet.

Fazit

Ich kann es nicht oft genug sagen, dass man Therapie in Anspruch nehmen sollte, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist und der Leidensdruck so hoch ist, dass keine Energie mehr übrig ist, um sich noch mit der Beziehung auseinanderzusetzen.

Noch nie musste ich ein Paar nach Hause schicken, weil es zu früh vorbeigekommen wäre. Wesentlich häufiger kommt es aber gerade deshalb zu einer Trennung, weil die Leute so spät zu einer Beratung erscheinen, dass mindestens einer aus der Beziehung bereits emotional ausgestiegen ist und die Liebe sich längst verabschiedet hat.

Auch nicht oft genug betont kann werden, dass von alleine gar nichts besser wird, schon gar keine Partnerschaft, sondern eher schlechter. Das ist ein bisschen wie bei Zahnschmerzen und zumindest meine Wahrheit.

 

Foto: © privat (irgendwo auf dem Mittelmeer zwischen Korsika und Italien)

1 Antwort

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  1. […] dem Tisch (und das ist eine wichtige Aufgabe in der Therapie und der Grund, warum so viele Menschen Angst davor haben), dann wird es sehr viel schwerer, weiterhin erfolgreich wegzuschauen. Es gleicht einem […]

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