Destruktive, schädliche, toxische Beziehungen

Der Partner behandelt uns schlecht und trotzdem bleiben wir? Das Gegenüber tut uns nicht gut und trotzdem ziehen wir keine Konsequenz? Von Außen betrachtet macht das keinen Sinn möchte man meinen und dennoch kommt es viel häufiger vor, als wir glauben.

In meine Praxis kommen oft Menschen, die sich aus Beziehungen nicht lösen können, obwohl sie ihnen nicht oder nicht mehr gut tun. Manchmal sogar schon lange nicht mehr.

Ich möchte hier zwischen festen und lockeren Beziehungen und Beziehungen unterscheiden und darauf eingehen, wie es sich in meinem Arbeitsalltag häufig darstellt.

Feste Beziehungen

Hand aufs Herz: die meisten Menschen haben bereits eine Ahnung, bevor sie erfahren, dass der Partner sie betrügt. Manchmal über einen geraumen Zeitraum. Und obwohl die Ahnung oft schon lange besteht, wollen es manche Menschen nicht wahrhaben.

Natürlich gibt es diejenigen, die den Partner sofort verlassen würden, falls dieser fremdgeht (ob sie es dann wirklich täten, sei dahingestellt;-)), und zugleich gibt es Menschen, die diesen Umstand trotz langer Vermutung verdrängen und nicht an sich heranlassen. Und um diejenigen geht es in diesem Artikel.

Es sind die Personen, die sich schwer tun den Partner zu konfrontieren, nicht nur im Falle eines Verdachts, sondern generell. Die sich selbst nicht gerne konfrontieren, weil das Selbstwertgefühl schwach ist und sie daher Sorge haben, einer Auseinandersetzung nicht standhalten zu können. Denn es könnte ja passieren, dass sich der anfängliche Verdacht bestätigt! Was dann? Wenn die Dinge nämlich erst einmal ausgesprochen sind, lassen sie sich nicht mehr so leicht unter den Teppich kehren.

Liegt die Wahrheit erst einmal auf dem Tisch (und das ist eine wichtige Aufgabe in der Therapie und der Grund, warum so viele Menschen Angst davor haben), dann wird es sehr viel schwerer, weiterhin erfolgreich wegzuschauen. Es gleicht einem extremen Kraftakt, der möglicherweise den äußeren Konflikt vermeidet, allerdings einen sehr viel größeren Konflikt erzeugt – nämlich den Konflikt mit sich selbst! Ich bin davon überzeugt, dass dies immer die schlechtere Wahl ist und davon, dass irgendwann immer der Zeitpunkt kommt, an dem es zu einem Kollaps kommt, wie immer der auch aussehen mag.

Der Energieaufwand, um gute Miene zum bösen Spiel zu machen, hat einen hohen Preis. Wie groß muss folglich die Angst vor möglichen Konsequenzen sein, dass Partner oft in unzufriedenen Arrangements bleiben? Würde man genauer hinschauen, kann es ein, dass eine Trennung unausweichlich wäre. Für eine entsprechende Trennungskompetenz ist ein stabiles Selbstwertgefühl notwendig. Je geringer dies ist, desto größer die Anpassungsbereitschaft. Wer wäre man denn außerhalb einer Partnerschaft?

Selbstverständlich ist der Verdacht einer Affäre nur ein Beispiel für destruktive Beziehungen. Generell kann man zu hohe Anpassungsbereitschaft in Beziehungen immer mit fehlender Augenhöhe belegen, die allerdings unterschiedlichste Gründe haben kann. Außenbeziehungen sind nur eine Möglichkeit.

Affären

Abgesehen von den obigen Ausführungen, projizieren Menschen, in andere gerne ihre Sehnsüchte, Gedanken, Wünsche, die sich häufig über einen langen Zeitraum gebildet haben, hinein. Besonders gerne in Affärenpartner! Vielleicht sind sie in ihrer Kernbeziehung nicht glücklich oder was viel wahrscheinlicher ist: in ihrem Inneren nicht. Sie suchen demnach im Außen nach etwas, das im Innen fehlt.

Affären betreffen nicht nur die Sexualität, wie landläufig angenommen wird, sondern sehr oft Emotionales. Durch eine Affäre kann gelebt werden, was es im wahren Leben nicht gibt oder aufgrund einer aktuellen Lebenssituation nicht lebbar ist. Die Realität wird weitgehend dabei ausgeklammert.

Der Satz: „Wie innen, so außen“ würde bedeuten, dass im Innenraum des Betroffenen etwas toxisches oder selbstschädigendes vorhanden ist und somit im Außen UND Innen gleichermaßen destruktiv.

Wenn es zum Ende der Affäre kommt, fällt die Projektionsfläche weg, und manche Menschen stürzen geradewegs in ein riesengroßes Loch. Weil nun keine Kompensation mehr über die Außenbeziehung möglich ist, werden die eigenen Themen umso sichtbarer.

Ganz unerheblich, auf welcher Seite der Dreiecksbeziehung man steht, ist es kein schönes Gefühl. Vielleicht kann man sich nicht zwischen dem Affärenpartner (und dem vermuteten besseren Leben) und dem Kernpartner (der jahrelange „Langweiler“) entscheiden. Vielleicht versucht man sich aber auch ein Bein auszureißen, um den genannten Nichtentscheider, für sich gewinnen zu wollen, weil man in Konkurrenz zum Kernpartner steht (und diesem Kampf gerne gewinnen möchte). Je nachdem, welche Position man in dieser Konstellation bekleidet.

Im folgenden Artikel geht es um eine junge Frau, die dem abhängigen Typ entspricht und sogar suchtähnliche Verhaltensweisen zeigt, die vermutlich jeder auch ein bisschen an sich selber kennt.

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Fazit

Wir können festhalten, dass es die Angst ist, die Menschen lähmt. Und zwar so stark, dass sie in toxischen Beziehungen lieber verweilen, als eine Veränderung hervorzurufen. Erst dann, wenn der Nutzen größer wird, als die Ängste, dann kann etwas geschehen. Leider dauert das umso länger, je geringer der Selbstwert ist. Dieser ist der Schlüssel für alle destruktiven, schädlichen und toxischen Beziehungen.

 

Foto: © privat (Kreta)

 

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